00:00:00: Wer mit der deutschen Bahn fährt, kennt seit Jahren immer dieselben Probleme.
00:00:04: Umpünktlichkeit, Unzuverlässigkeit, marode Infrastruktur – dazu kommen dann explotierende Kosten.
00:00:11: und all das in einer Zeit, in der wir mehr und öfter und lieber mit der Bahn als mit dem Auto fahren sollten!
00:00:19: Kein Wunder, dass Fahrgäste auf all das eigentlich nur noch mit Zerkasmus reagieren.
00:00:24: Aber keine Sorge, das wird jetzt keine Bahnbashing-Episode und ich erzähle garantiert auch keinen deutsche Bahnwitz.
00:00:31: Ich möchte mich darüber unterhalten wo es da strukturell krankt und warum Entscheidungen, Verantwortung und Umsetzung in Unternehmen oft so schlecht zusammenpassen.
00:00:43: Anlass für diese Überlegungen war das Antrittsinterview von Evelyn Palla der Vorstandsvorsitzenden der Deutschen Bahn, die darin mit ihrem eigenen Konzern harsch ins Gericht gegangen ist.
00:01:13: Wenn Ihnen Salzburg in Linz oder in Wien am Bahnhof die Durchsage kommt, Zug XY hat Verspätung aus einem Nachbarland.
00:01:21: Dann war das in meiner Jugend ein Zug aus Italien oder irgendwo aus dem damaligen sogenannten Ostblock.
00:01:28: Heute ist allen die sowas hören völlig klar – Das muss ein Zug Aus Deutschland sein!
00:01:33: Wie eingangs gesagt, ohne zynische Bemerkungen oder halblustige Anekdoten.
00:01:38: ganz nüchtern betrachtet ist es ein Trauerspiel das die neue Vorstandsvorsitzende der Deutschen Bahn Evelin Paladar übernommen hat.
00:01:47: Und gleich in einem ihrer ersten Interviews hat sie mal so richtig ordentlich ausgeteilt.
00:01:52: Das was Sie vorgefunden hat, das nennt sich wörtlich Organisierte Verantwortungslosigkeit.
00:02:00: Bum!
00:02:01: Das Sitz, das ist starker Tobak vor allem weil er sich ja gegen das eigene Unternehmen richtet.
00:02:05: Genau gesagt gegen ihre eigene Führungsmannschaft und gegen die eigenen Strukturen.
00:02:11: Sie beschreibt den Mechanismus dahinter ungefähr so in der Zentrale werden Entscheidungen getroffen und umsetzen müssen dass die Mitarbeitenden draußen.
00:02:21: Und wenn dann was nicht funktioniert war sie offensichtlich ständig vorkommt bei der deutschen Bahn Dann sagen die Mitarbeiter draußen wir haben das ja nicht entschieden Und die Zentrale sagt in der Moment, ihr habt das einfach nicht richtig umgesetzt.
00:02:36: Aber wenn wir mal ganz ehrlich sind so spezifisch für die Deutsche Bahn ist dieses Phänomen gar nicht.
00:02:43: Darum vergessen wir einmal für einen Moment die DB, denn das Muster, das Frau Paller da beschreibt, das kennen in Wahrheit alle, die in einem einigermaßen großen Unternehmen arbeiten selbst und dieses Muster ist nicht darin begründet dass das Unternehmen nicht ausreichend organisiert wäre.
00:03:01: Das Paradoxe ist ja, moderne Unternehmen haben eben nicht zu wenig Organisation.
00:03:07: Im Gegenteil Sie haben alles!
00:03:09: Sie haben Rollenbeschreibungen, Organikramme, Prozesse, KPIs, Steering Committees, Arbeitskreise, Projektorganisation und Freigabeschleifen – alles Mögliche.
00:03:20: Und trotzdem kann oft niemand die recht einfache Frage beantworten Wer ist dafür verantwortlich dass das Ergebnis stimmt?
00:03:29: Wer ist verantwortlich?
00:03:33: Der Erfolg hat in solchen Strukturen viele Eltern.
00:03:35: Wenn etwas klappt, dann zeigen alle möglichen Leute auf die irgendwann einmal in irgendeiner Besprechung irgendwie eingebunden waren.
00:03:43: Aber wenn es schief läuft Dann sind auf dem Papier zwar alle verantwortliche aber in Wahrheit aus genau diesem Grund dann eben keiner.
00:03:54: Was man da sieht das ist Konsens als Verantwortungsverdünner.
00:03:59: was meine ich damit?
00:04:01: Je heikler eine Entscheidung ist, umso mehr Menschen werden in einer Firma involviert.
00:04:07: Dann gilt es noch einen Stakeholder einzubinden – noch jemand den man fragen muss, noch eine Abstimmungsrunde die man fliegen muss.
00:04:15: Das fühlt sich professionell an und ich verstehe das ja auch.
00:04:19: Wir wollen Expertise wir wollen unterschiedliche Perspektiven Risikobewertung Und auch die Akzeptanz in der Organisation.
00:04:26: alles gut Aber irgendwann entsteht aus sowas dann kollektive Entscheidungen bei zugleich individueller Verantwortungslosigkeit.
00:04:35: Wir haben das alle gemeinsam entschieden, das bedeutet nämlich in Wahrheit niemand hat entschieden und alle können sich abputzen.
00:04:43: Und wie passiert es dieses Abputzen?
00:04:46: Nicht durch banales Abschiebender Verantwortung Finger zeigen – Das ist was für Amateure!
00:04:52: Profis beeindrucken durch hochprofessionelle Erklärungssysteme für ihr eigenes Scheitern.
00:04:58: Da entstehen wunderbare Präsentationen, ausführliche Dokumente und Vorstandsvorlagen die die Marktlage irgendwelche Legacy-Systeme mangelnde Budgetallokationen Regulatoren, Ressourcenmangel usw.
00:05:11: und sofort beschreiben das meistens noch garniert mit sowohl klingenden Floßklingen über Transformation und Komplexität Das gefährlich daran ist.
00:05:21: all diese Erklärungen können ja vollkommen richtig sein Und es ist auch wirklich sinnvoll darüber nachzudenken woran etwas gescheitert ist.
00:05:28: Der Punkt ist, man darf halt nicht dort stehen bleiben.
00:05:33: Um Evelyn Palla nochmal zu zitieren – sie sagt über die Bahn – man musste nur genug erklären warum Ziele nicht erreicht werden konnten.
00:05:41: damit kann man jahrelang durch.
00:05:44: das hat dazu geführt dass mehr Energie zum Erklären der Probleme verwendet wurde als zu deren Lösung.
00:05:53: Das ist ein Offenbarungseil denn wenn man das verdichtet dann sagt Bei uns wurden Erklärungen zu Ausreden und gelöst wurde gar nichts jahrelang.
00:06:03: So, wie kann man diesen gotischen Knoten aus diffuser Verantwortung und systemischem Ausrede durchschlagen?
00:06:09: Ich glaube es gibt drei Hebel.
00:06:11: Erstens die eigene persönliche Haltung der Menschen in der Organisation.
00:06:15: das ist eine Kulturfrage aber es ist auch eine Akzeptanz Frage bei Entscheidungsträgern.
00:06:23: Wenn zum mir als Topmanager einen ins Bürok reingekommen ist und ein Problem geschildert hat ohne auch gleichzeitig einen oder mehrere Lösungsvorschläge mitzubringen, dann habe ich den oder diejenigen gleich wieder aus meinem Büro rausgeschmissen und gesagt, komm wieder wenn du Vorschlägen hast.
00:06:40: Wir können sehr gerne gemeinsam darüber beraten welcher Weg da besser ist.
00:06:44: Ich helfe dir bei der Entscheidung!
00:06:45: Ich treffe die Entscheidung, ich trage auch die Verantwortung.
00:06:48: alles okay dafür bin ich da als Führungskraft Aber ich wäre mich gegen jede Form der Rückdelegation und nichts anderes ist das, wenn Mitarbeiter nur Probleme anstatt Lösungsvorschläge nach oben reporten.
00:07:02: Und übrigens – ich kann das lange eigene Erfahrung auch berichten – Mitarbeitende die von sich aus Probleme lösen wollen, die proaktiv mit Ideen und Vorschlägen kommen, machen Karriere!
00:07:15: Dinge einfach mal zu erledigen, anzupacken den Zug zum Tor zu haben.
00:07:19: Das ist an der Stelle also auch ein echter Karriere-Tipp.
00:07:23: Daher aus meiner Sicht Punkt Nummer eins sowohl individuell persönlich als auch kulturell eine Atmosphäre und eine Kultur im Unternehmen zu etablieren in der Dinge erledigt werden.
00:07:37: Punkt Nummer zwei Das ist die Nähe zwischen Entscheidung und Verantwortung.
00:07:41: Und mit Nähe meine ich das recht buchstäblich, die Entfernung in der Organisation zwischen diesen beiden Dingen.
00:07:48: So wie vorhin die Zentrale entscheidet und irgendwo da draußen liegt die Verantwortung für die Umsetzung – so geht es nicht!
00:07:54: Was es stattdessen braucht hat eine kompliziert klingende Bezeichnung nämlich Subsidiaritätsprinzip.
00:08:02: Das ist das Prinzip, dass Entscheidungen und Verantwortung sauber gekoppelt sein müssen.
00:08:07: Und am besten gelingt es wenn Entscheidungen von der kleinstmöglichen Einheit getroffen werden.
00:08:12: vor Ort Ich weiß schon dagegen sprechen jede Menge Risiken, Synergieverluste, x-fach ausgeprägte Kompetenzen usw.
00:08:22: Verstehe ich.
00:08:23: Aber am Ende gilt wer selbst entscheidet Wer selbstständig entscheiden muss Der steht auch zu den Ergebnissen und der lernt aus Fehlern anstatt die Schuld, an Vorgesetzte oder andere Abteilungen weitergeben zu können.
00:08:38: Und damit das Ganze eben nicht in einen Floh-Zirkus aushaltet bei dem jeder x beliebige Mitarbeiter irgendwas entscheiden kann braucht es Führung.
00:08:46: na klar aber eben nicht im funktionalen Sinne sondern im normativen Sinn.
00:08:51: von oben müssen kommen Strategie Werte Kultur Ausrichtung Die Leitplanken innerhalb derer die Menschen handeln sollen.
00:09:02: Aber eben nicht jede fachliche Entscheidung, die soll so nahe wie möglich bei den Mitarbeitenden fallen.
00:09:09: Und drittens Fehlerkultur – das mit dem ausführlichen Erklären von verfehlten Zielen?
00:09:15: Das hat bei mir eine flapsige Abkürzung und ich nenne das immer die RDA-Methode.
00:09:20: RDA steht für Rette deinen Arsch!
00:09:24: Wer Angst hat, dass ein Fehler oder eine gescheiterte Initiative das nicht erreichte Ziele in den Kopf kosten?
00:09:31: Der wird logischerweise zahlreiche Erklärungsmodelle suchen und auch finden warum das so sein musste.
00:09:38: Und er selber eben gar nichts dafür kann.
00:09:41: Wenn aber umgekehrt eine Organisation sagt Scheitern ist eine Investition in zukünftige Verbesserung.
00:09:47: Unser Ziel ist es so schnell und so transparent wie möglich zu lernen und es besser zu machen.
00:09:52: Dann wird aus RDA eine lernende, sich selbststätig optimierende Organisation.
00:09:59: Daher dritter Punkt Bad News must travel.
00:10:02: fast Als Top-Entscheider will ich schnell und pointiert wissen wenn was schief gelaufen ist Und das schließt sich jetzt der Kreis zur Punkt eins Wie wir das künftig anders und besser machen werden.
00:10:16: Der Blick nach vorne.
00:10:18: Das sind meine drei Hinweise gegen die organisierte Verantwortungslosigkeit die die deutsche Bahn und wohl auch zahlreiche andere große Unternehmen erfasst hat.
00:10:28: Erstens eine Kultur, in der Dinge angepackt werden.
00:10:33: Zweitens eine Struktur, die Entscheidungen dorthin verlagert wo auch die Verantwortung für die Umsetzung liegt.
00:10:40: Und drittens eine Organisation, die sich als Lernend versteht insbesondere dann wenn sie Fehler macht.
00:10:48: Frau Palla hat gerade eines der schwierigsten Managementmandate in Deutschland übernommen.
00:10:53: Ihre Diagnose der organisierten Verantwortungslosigkeit finde ich bemerkenswert klar und wenn sie damit recht hat, dann liegt ein wesentlicher Teil ihrer Aufgabe genau darin dieses Muster aufzubrechen.
00:11:06: Ob das gelingt?
00:11:07: Das werden wir sehen!
00:11:09: Aber eigentlich liefert sie selbst den Maßstab dafür, denn am Ende wird nicht entscheidend sein wie gut die Probleme der Deutschen Bahne erklärt werden können – weder von ihr noch von jemand anderem.
00:11:19: Sondern ob Sie gelöst werden!
00:11:44: Abonnieren Sie diesen Podcast und seien sie auch das nächste Mal wieder dabei, wenn es wieder heisst.
00:11:49: Vorne ist wo sich noch keiner auskennt!